Bundesgesundheitsblatt

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  1. Zusammenfassung

    Public-Health-Forschung, epidemiologische und klinische Studien sind erforderlich, um die COVID-19-Pandemie besser zu verstehen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Daher wurden auch in Deutschland zahlreiche Forschungsprojekte initiiert. Zum heutigen Zeitpunkt ist es ob der Fülle an Informationen jedoch kaum noch möglich, einen Überblick über die vielfältigen Forschungsaktivitäten und deren Ergebnisse zu erhalten. Im Rahmen der Initiative „Nationale Forschungsdateninfrastruktur für personenbezogene Gesundheitsdaten“ (NFDI4Health) schafft die „Task Force COVID-19“ einen leichteren Zugang zu SARS-CoV-2- und COVID-19-bezogenen klinischen, epidemiologischen und Public-Health-Forschungsdaten. Dabei werden die sogenannten FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) berücksichtigt, die eine schnellere Kommunikation von Ergebnissen befördern sollen. Zu den wesentlichen Arbeitsinhalten der Taskforce gehören die Erstellung eines Studienportals mit Metadaten, Erhebungsinstrumenten, Studiendokumenten, Studienergebnissen und Veröffentlichungen sowie einer Suchmaschine für Preprint-Publikationen. Weitere Inhalte sind ein Konzept zur Verknüpfung von Forschungs- und Routinedaten, Services zum verbesserten Umgang mit Bilddaten und die Anwendung standardisierter Analyseroutinen für harmonisierte Qualitätsbewertungen. Die im Aufbau befindliche Infrastruktur erleichtert die Auffindbarkeit von und den Umgang mit deutscher COVID-19-Forschung. Die im Rahmen der NFDI4Health Task Force COVID-19 begonnenen Entwicklungen sind für weitere Forschungsthemen nachnutzbar, da die adressierten Herausforderungen generisch für die Auffindbarkeit von und den Umgang mit Forschungsdaten sind.

  2. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Gerade in der Frühphase einer Pandemie ist es schwierig, verlässliche Zahlen über deren Ausbreitung zu erhalten. Die derzeitige COVID-19-Pandemie und das damit verbundene umfassende, aber nicht vollständige Datenmonitoring bieten die Möglichkeit, die Dunkelziffer der nicht erfassten Fälle zu schätzen.

    Ziel

    Vorstellung eines einfachen mathematischen Modells, welches eine frühzeitige Abschätzung der Zahl nichtregistrierter Fälle (Dunkelziffer) ermöglicht.

    Material und Methoden

    Es werden die Prävalenzen der gemeldeten Infektionen in verschiedenen Altersgruppen mit Kennzahlen der altersabhängigen Kontaktzahlen kombiniert. Daraus wird für jede Altersgruppe eine korrigierte Prävalenz abgeleitet, mit der dann die Dunkelziffer geschätzt werden kann.

    Ergebnisse

    Unser Modell berechnet für Mitte April 2020 in Deutschland insgesamt 2,8-mal so viele Infektionen wie die Zahl der registrierten Infektionen (Fälle). Für Italien ergibt sich Mitte April 2020 ein Faktor von 8,3. Die daraus abgeleiteten Fallsterblichkeiten betragen 0,98 % für Deutschland und 1,51 % für Italien, welche deutlich näher zusammenliegen als die rein aus den zu dem Zeitpunkt vorhandenen Meldezahlen abgeleiteten Fallsterblichkeiten von 2,7 % und 12,6 %.

    Diskussion

    Die aus dem Modell abgeleitete Dunkelziffer kann die unterschiedlichen Beobachtungen in den Fallsterblichkeiten und der Zustände in der Frühphase der COVID-19-Pandemie in Deutschland und Italien zu einem großen Teil erklären. Das Modell ist einfach, schnell und robust implementierbar und kann gut darauf reagieren, wenn die Meldezahlen hinsichtlich der Altersstruktur nicht repräsentativ für die Bevölkerung sind. Wir empfehlen, dieses Modell für eine effiziente und frühzeitige Schätzung nichtgemeldeter Fallzahlen bei zukünftigen Epidemien und Pandemien in Betracht zu ziehen.

  3. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziel

    Ob sozioökonomische Faktoren die Ausbreitung von SARS-CoV‑2 beeinflussen, ist nicht ausreichend beantwortet, da frühere Studien in der Regel kumulative Inzidenzen betrachtet und die zeitliche Entwicklung der Ausbreitung außer Acht gelassen haben. Dieser Beitrag konzentriert sich daher auf die Entwicklung von regionalen Neuinfektionen in Zusammenhang mit sozioökonomischen Faktoren. Ausgehend vom internationalen Forschungsstand präsentieren wir eigene Analysen von Meldedaten aus Deutschland.

    Methoden

    Diese Studie untersucht regionale Daten gemeldeter COVID-19-Fälle für die 401 Landkreise und kreisfreien Städte (Kreisebene) in Deutschland und vergleicht den zeitlichen Verlauf entlang sozioökonomischer Merkmale der Kreise. Betrachtet werden altersstandardisierte wöchentliche Inzidenzen für den Zeitraum 03.02.2020–28.03.2021. Sozial- und Wirtschaftsindikatoren auf Kreisebene stammen aus der INKAR(Indikatoren und Karten zur Raum- und Stadtentwicklung)-Datenbank (z. B. Einkommen, Beschäftigtenquote, Wohnfläche).

    Ergebnisse

    Während in der ersten und zu Beginn der zweiten Welle der Pandemie Kreise mit höherem mittleren Haushaltseinkommen höhere Inzidenzen hatten, stiegen sie in Kreisen mit niedrigem Einkommen ab Dezember 2020 deutlich an. Kreise mit einem hohen Anteil an Beschäftigten allgemein und speziell solchen im Produktionssektor hatten gerade in der zweiten und dritten Welle hohe Inzidenzen. Kreise mit einer geringen Wohnfläche je Einwohner hatten ab November 2020 ausgeprägt höhere Inzidenzen.

    Schlussfolgerung

    Der regionale Verlauf der Pandemie unterscheidet sich nach Sozial- und Wirtschaftsindikatoren. Eine differenzierte Betrachtung dieser Unterschiede könnte Hinweise auf zielgruppenspezifische Schutz- und Teststrategien geben und helfen, soziale Faktoren zu identifizieren, die Infektionen begünstigen.

  4. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Ein ganzheitliches Konzept sexueller Gesundheit und Medizin berücksichtigt die Diversität von Lebenswelten, um Klient*innen für Prävention, Testung, Beratung und Behandlung sexuell übertragbarer Infektionen (STI) zu gewinnen. Mit diesem Verständnis arbeiten die Immunologische Ambulanz, das Gesundheitsamt, die Aidshilfe sowie weitere Selbsthilfeorganisationen im WIR – Walk In Ruhr, Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin, in Bochum zusammen.

    Ziel der Arbeit

    Am Beispiel des WIR, das mit seinem innovativen Konzept eines Versorgungszentrums multiprofessionell innerhalb eines Settings sektor- und rechtsformübergreifend arbeitet, wird gezeigt, dass Erreichbarkeit, Test- und Behandlungsquote und HIV/STI-Risiko-Selbsteinschätzung sich verbessern. Das WIR wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit über 3 Jahre extern evaluiert; die Ergebnisse werden dargestellt.

    Methode

    Es wurde ein Mixed-Method-Design aus quantitativen und qualitativen Erhebungen angewandt.

    Ergebnis

    Es werden mehr Frauen (27,7 %) und Heterosexuelle (56,4 %) als in anderen Beratungs- und Testzentren erreicht. Die Rate positiver Testergebnisse im WIR stieg von 2017 bis 2018 von 9,3 % auf 12,6 %. Der Übergang von Prävention zu medizinischer Versorgung ist im WIR von zentraler Bedeutung.

    Diskussion

    Durch das integrative Versorgungskonzept des WIR gelingt es, Menschen mit HIV/STI früh zu erreichen und zu behandeln. Gesundheitsberater sind ein wichtiges Instrument für die aufsuchende Arbeit. Psychosoziale sowie psychotherapeutische Beratung werden in hohem Maße genutzt. Durch die vielschichtigen Angebote von Prävention, Test, Beratung werden bessere medizinische Ergebnisse erreicht sowie die Eigenverantwortung für sexuelle Gesundheit gesteigert. Die Übertragung des Konzeptes in die Fläche kann einen Beitrag zur besseren Versorgung zu sexueller Gesundheit leisten.

  5. Zusammenfassung

    Die Epidemiologie als wissenschaftliche Disziplin ist prädestiniert dafür, Kernfragen der COVID-19-Pandemie zu bearbeiten. Hierzu werden klassische und neue Methoden eingesetzt, es stellen sich jedoch auch neue Herausforderungen.

    Der Beitrag bezieht sich auf die verschiedenen Phasen des bevölkerungsbezogenen Verlaufs der SARS-CoV-2-Infektion und COVID-19-Erkrankung. Basierend auf einer selektiven Literaturrecherche werden Beispielfragestellungen anhand von in Deutschland und international durchgeführten Studien vorgestellt und die jeweiligen epidemiologischen Ansätze diskutiert, aber auch Forschungslücken beschrieben.

    Wissenschaftliche Fragen, die mit epidemiologischen Daten und Forschungsansätzen zu beantworten sind, stellen sich in jeder Phase des Infektions- und Krankheitsgeschehens. Beschreibende Daten werden vielfach über (wiederholte) Querschnittsstudien generiert. Für analytische Fragestellungen etwa zur Identifikation von Risikogruppen hätten besonders in der frühen Phase der Pandemie Fallkontrollstudien wertvolle Ergebnisse liefern können, wurden aber selten durchgeführt. Daten der Krankenkassen kommt eine wichtige Funktion in der Analyse von Verläufen zu; das Potenzial dieser Datenquelle in Bezug auf Fragestellungen zur Impfung kann jedoch vermutlich kaum genutzt werden. Eine verbesserte Koordination der diversen Studien sowie eine stärker auf frei zugängliche Daten (Open Data) ausgerichtete Forschungsinfrastruktur können den Beitrag der Epidemiologie zur Kontrolle dieser und zukünftiger Pandemien weiter stärken.

  6. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Die demografische Entwicklung führt zu einer Alterung der deutschen Bevölkerung. Hierdurch ergeben sich vielfältige sozialpolitische Herausforderungen. Prognosen gehen von langfristigen Beitragsanpassungen in der Sozialversicherung aus. Der Einfluss der Alterung auf die Gesundheitsausgaben wird kontrovers diskutiert. Experten sind sich einig, dass die hohen Kosten am Lebensende einen wesentlichen Anteil der Ausgaben ausmachen. Für Prognosen der zukünftigen Ausgaben sind valide Informationen zu den Kosten von Überlebenden und Verstorbenen notwendig. Umfangreiche Daten sind für Deutschland kaum verfügbar. Ziel der Arbeit war die detaillierte Analyse der jährlichen Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

    Methodik

    Datenbasis der Kostenkalkulation sind Abrechnungsdaten der Allgemeinen Ortskrankenkasse Niedersachsen (AOKN). Alle im Jahr 2017 durchgängig versicherte überlebende und verstorbene Personen mit durchgängiger Versicherung vor dem Tod wurden eingeschlossen. Durchschnittskosten wurden standardisiert.

    Ergebnisse

    Daten von 2,46 Mio. überlebenden sowie 34.307 verstorbenen Versicherten wurden ausgewertet. Die jahresbezogenen Kosten in der Population der Überlebenden (2756 €) lagen deutlich unter den Kosten der Verstorbenen (21.830 €). In der Gruppe der Überlebenden nehmen die mittleren Kosten mit dem Alter zu und in der Gruppe der Verstorbenen sind die Kosten im jüngeren Alter am höchsten. Bei detaillierter Analyse der Kosten am Lebensende zeigt sich ein exponentieller Anstieg der Kosten in den letzten 3 Lebensjahren mit den höchsten Kosten im Todesquartal (10.577 €).

    Diskussion

    Die Daten geben einen detaillierten Einblick in die Struktur der GKV-Gesundheitsausgaben und können als Grundlage für Prognosemodelle zur Ausgabenentwicklung dienen.

  7. Zusammenfassung

    Der Kongress Armut und Gesundheit, der seit 1995 jährlich von Gesundheit Berlin-Brandenburg e. V. in Kooperation mit unterschiedlichsten Partner*innen ausgerichtet wird, gehört inzwischen zu den größten regelmäßig stattfindenden Public-Health-Veranstaltungen in Deutschland (siehe Infobox 1). Er ist eine Plattform für den Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis, Zivilgesellschaft und Politik. Unter dem Motto „Aus der Krise zu Health in All Policies“ wurden in diesem Jahr Public Health und gesundheitliche Ungleichheit vor allem vor dem Hintergrund der SARS-CoV-2-Pandemie thematisiert. In über 80 Veranstaltungen mit knapp 500 Referierenden wurde ein breites Spektrum an Themen und Fragestellungen diskutiert: unter anderem der Zusammenhang zwischen Armut und COVID-19, die Herausforderungen in der Pflege, die Situation wohnungsloser Menschen, der Einfluss der Pandemie auf (junge) Familien oder Studierende sowie globale Fragen zur Impfstrategie und Eckpunkte für eine Public-Health-Strategie für Deutschland.

  8. Zusammenfassung

    Die frugale Zahnmedizin leitet sich vom Begriff „frugal“ (sinngemäß: einfach, sparsam, nutzbar, tauglich) ab. Sie richtet ihr Augenmerk auf zahnärztliche Interventionen, die im Vergleich zu Behandlungsalternativen zum einen mit einer Kostenreduktion verbunden sind und sich zum anderen auf zahnmedizinische Kernfunktionen unter Berücksichtigung der Patientenbedürfnisse konzentrieren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat 2020 auf die Dringlichkeit hingewiesen, kosteneffiziente und erschwingliche Interventionen zu priorisieren.

    Vor diesem Hintergrund erfolgen in diesem Beitrag eine Einordnung und eine Bestandsaufnahme zur frugalen Zahnmedizin. Es wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich ihre Ziele substanziieren lassen. Anhand von Literaturquellen und einer exemplarischen klinischen Einzeldarstellung werden Optionen der frugalen Zahnmedizin aufgezeigt. Zudem werden für etliche zahnmedizinische Fächer Einzelbeispiele potenzieller frugaler Interventionen und Innovationen genannt und erläutert. Gravierende Defizite gibt es in der systematischen Entwicklung und Implementierung der frugalen Zahnmedizin. Es sind daher noch zahlreiche Anstrengungen in Forschung, Lehre und Patientenversorgung erforderlich.

  9. Zusammenfassung

    Zahn- und Kieferfehlstellungen gehören zu den häufigsten Mundgesundheitsbeeinträchtigungen beim Menschen. Der vorliegende Beitrag gibt eine Übersicht zu deren Ursachen, Häufigkeit und Folgen. Er zeigt die präventiven und kurativen Möglichkeiten kieferorthopädischer Behandlungen auf und gibt Informationen zu deren rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland. Inanspruchnahme und Qualität der kieferorthopädischen Versorgung werden im internationalen Vergleich dargestellt.

    Bei den Ursachen für Zahn- und Kieferfehlstellungen spielen genetische, epigenetische, funktionelle und umweltbedingte Faktoren eine Rolle, die individuell meist nicht eindeutig feststellbar sind. Bisher zeigen nur kleinere Querschnittsstudien, dass bis zu 80 % der Kinder in Deutschland betroffen sind. Essen, Trinken, Kauen, Sprechen und Atmen können beeinträchtigt sein, die Neigung zu Parodontalerkrankungen sowie Überlastungsschäden von Kiefergelenk und Kaumuskulatur sind erhöht. Bei einer Proklination der oberen Schneidezähne steigt die Gefahr von Frontzahntraumata. Fehlstellungen können zudem negative psychosoziale Folgen oder Einschränkungen der Lebensqualität zur Folge haben. Kieferorthopädische Behandlungen leisten in Kooperation mit anderen (zahn-)medizinischen Fachdisziplinen einen wichtigen präventiven bzw. kurativen Beitrag zur Verbesserung der Mundgesundheit, der Allgemeingesundheit und der Lebensqualität.

    Die Kieferorthopädie bietet ein erhebliches Potenzial für die Stärkung der zahnärztlichen Prävention im Gesundheitswesen, zumal die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) eine breitflächige Versorgung der Bevölkerung mit kieferorthopädischen Leistungen auf international anerkanntem, hohem Niveau ermöglicht. Um die Prävention weiter zu verbessern, wird die Einführung eines kieferorthopädischen Screenings im 7.–8. Lebensjahr als systematische Vorsorge empfohlen.

  10. Zusammenfassung

    Parodontitis ist eine chronisch entzündliche nichtübertragbare Erkrankung, die alle Anteile des Zahnhalteapparates (Parodonts) betrifft und dort weitgehend irreversible Schäden verursacht. Schätzungen legen nahe, dass in Deutschland ca. 10 Mio. Menschen an einer schweren Parodontitis erkrankt sind. Parodontitis zeigt über viele Jahre zumeist wenige oder nur milde Symptome, die von den Patienten oft nicht wahrgenommen oder richtig eingeordnet werden. Fehlendes Bewusstsein kann dazu führen, dass zahnärztliche Behandlung erst in einem fortgeschrittenen Erkrankungsverlauf in Anspruch genommen wird, wenn umfangreiche Therapiemaßnahmen notwendig geworden sind und sich die Prognose für den Erhalt der Zähne verschlechtert hat. Der parodontale Screeningindex (PSI) ist ein einfaches und schnelles Instrument, mit dem die Notwendigkeit weiterführender diagnostischer Maßnahmen beurteilt werden kann. Der Index wird mittlerweile bei vielen Patienten durchgeführt. Trotzdem bleiben die Versorgungszahlen niedrig und hinter dem zurück, was für das Absenken der bestehenden Parodontitislast notwendig wäre. Jede Zahnarztpraxis muss in der Lage sein, Parodontitistherapie umzusetzen. Fachzahnärzte oder Spezialisten können die allgemeinzahnärztlichen Kollegen wesentlich bei der Behandlung von schweren Formen von Parodontitis unterstützen. Dazu ist eine Aufwertung des Faches in der universitären Ausbildung erforderlich, aber auch die zunehmende postgraduale Ausdifferenzierung von Spezialisten oder Fachzahnärzten für Parodontologie. Die neuen Behandlungsrichtlinien für die Parodontaltherapie (PAR-Therapie) erlauben die Versorgung der parodontal erkrankten Patienten auf Basis international anerkannter wissenschaftlicher Standards und verbessern damit die Rahmenbedingungen für die Parodontitistherapie in der zahnärztlichen Praxis.

  11. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziel der Arbeit

    Informationen zur Mundgesundheit der Bevölkerung sind wichtig für die Einschätzung von (vermeidbarer) Krankheitslast, für die Einschätzung und Planung von Gesundheitsressourcen und -kosten sowie für die Beurteilung gesundheitlicher Ungleichheiten. Ziel dieser Arbeit ist es, erstmals auf Datenbasis einer bundesweit repräsentativen Stichprobe für die erwachsene Bevölkerung in Deutschland die selbstwahrgenommene Mundgesundheit einschließlich assoziierter Faktoren zu untersuchen.

    Material und Methoden

    Datenbasis ist die Studie Gesundheit in Deutschland aktuell (GEDA 2019/2020-EHIS, n = 22.708 ab 18 Jahre). Im telefonischen Interview wurden die Teilnehmenden gefragt, wie sie den Zustand ihrer Zähne und ihres Zahnfleischs beschreiben würden – „sehr gut“, „gut“, „mittelmäßig“, „schlecht“, „sehr schlecht“. Soziodemografische, verhaltensbezogene und zahnmedizinische Merkmale werden als assoziierte Faktoren untersucht. Ausgewiesen werden Prävalenzen und Ergebnisse multivariater binär-logistischer Regressionen (Odds Ratios, OR).

    Ergebnisse und Diskussion

    71,4 % der Befragten schätzten ihre Mundgesundheit als sehr gut oder gut ein, 28,6 % als mittelmäßig bis sehr schlecht. Die wichtigsten assoziierten Faktoren waren Beeinträchtigungen beim Kauen und Beißen (OR 4,0), ein unerfüllter zahnmedizinischer Versorgungsbedarf (OR 2,3), männliches Geschlecht (OR 1,5) und ein nicht täglicher Obst- und Gemüsekonsum (OR 1,2), bei Männern zudem eine niedrige Bildung (OR 2,1), das tägliche Rauchen (OR 1,6) und eine nicht jährliche zahnmedizinische Inanspruchnahme (OR 1,4). Aus den Ergebnissen lassen sich Ansatzpunkte zur Förderung der Mundgesundheit ableiten.

  12. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Inanspruchnahme und Ausgaben gehören zu den wichtigsten Kenngrößen von Versorgungssystemen. Sie erlauben auch Rückschlüsse auf die Ausrichtung der praktizierten Zahnmedizin.

    Ziel der Arbeit

    Ziel dieser Übersicht ist es, den Status quo der Inanspruchnahme zahnärztlicher Versorgung in Deutschland und der diesbezüglichen Ausgaben anhand vorhandener Routinedaten aus der vertragszahnärztlichen Versorgung zu beschreiben.

    Material und Methoden

    Die zugrunde liegenden Analysen wurden den jährlichen Zahnreporten der gesetzlichen Krankenkasse BARMER entnommen. Sie basieren auf deutschlandweiten Abrechnungsdaten von 2010 bis 2018.

    Ergebnisse

    Die Inanspruchnahme zahnärztlicher Leistungen liegt in Deutschland mit jährlichen Raten um 70 % überdurchschnittlich hoch. Für Füllungen lag die Inanspruchnahmerate 2018 in den Altersgruppen zwischen 30 und 79 Jahren durchgehend um 30 %, für Neueingliederungen von Zahnersatz und Zahnkronen in den Altersgruppen von 55 bis 84 Jahren bei mindestens 10 %. Im Bereich der Prävention war ein kontinuierlicher Anstieg für Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern zu verzeichnen (31,9 % in 2010, 35,2 % in 2018). Bei individualprophylaktischen Maßnahmen bei 6‑ bis 17-Jährigen war kein klarer Trend erkennbar (64,0 % in 2010, 65,4 % in 2018). Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkasse stiegen moderat.

    Diskussion

    Durch die hohe Inanspruchnahme sind gute Voraussetzungen für eine präventionsorientierte Zahnmedizin gegeben. Wenn auch eine positive Tendenz zu einer leicht steigenden Inanspruchnahme präventiver Leistungen erkennbar ist, bildet sich im Versorgungsgeschehen nach wie vor eine mehrheitlich auf invasive Intervention orientierte Zahnmedizin ab. Als sinnvolle Instrumente zur Umsetzung eines substanziellen Paradigmenwechsels können unter anderem eine weitere Förderung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung und präventionsfördernde Anreize angesehen werden.

  13. Zusammenfassung

    Das Konzept der Gesundheitskompetenz hat in den vergangenen Jahren viel Beachtung erfahren. Wesentliche Ansätze sind das Bereitstellen von Gesundheitsinformationen, das Vermitteln durch Bildungsprogramme und der Transfer über Kommunikationstechniken. Aus zahnmedizinischer Sicht fällt dem individuellen Gespräch zwischen Patient und Zahnarzt eine besondere Bedeutung zu („sprechende Zahnmedizin“).

    Ziel unseres Beitrags ist es, den bisherigen Kenntnisstand über die Zusammenhänge zwischen Mundgesundheitskompetenz und sprechender Zahnmedizin darzustellen, bereits vorhandene Konzepte zur Vermittlung kommunikativer Kompetenzen vorzustellen und weiteren Handlungsbedarf aus der Sicht der Bundeszahnärztekammer aufzuzeigen. Mehrere gesundheitspsychologische Modelle betonen einen positiven Zusammenhang zwischen Mundgesundheitskompetenz, Mundgesundheitsverhalten und Mundgesundheit. Weitere Bestimmungsfaktoren scheinen die Selbstwirksamkeitsüberzeugung des Patienten und die individuelle Interaktion mit dem Zahnarzt zu sein. Deshalb scheint es zielführend, im Sinne der sprechenden Zahnmedizin anlassbezogen zu intervenieren. Das persönliche Gespräch zwischen Zahnarzt und Patient kann dabei Beratung, Aufklärung, Motivation und praktische Anleitung abdecken und zu einer partizipativen Entscheidungsfindung führen.

    Angebote für das Erlernen und Vertiefen von Kommunikationstechniken stellen wichtige Hilfestellungen für die Praxis dar. Einige stellt dieser Beitrag beispielhaft vor. Um die sprechende Zahnmedizin auf breiter Ebene zu etablieren, bedarf es allerdings weitergehender Angebote und Anreize. Mit unseren Vorschlägen möchten wir Wege aufzeigen, wie die sprechende Zahnmedizin als integraler Bestandteil der zahnmedizinischen Versorgung weiter gefördert und gefestigt werden kann.

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