Bundesgesundheitsblatt

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  1. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziel

    Die wichtige Rolle der Maßnahmen zur Infektionsprävention und -kontrolle in Langzeitpflegeeinrichtungen ist im Kontext der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie besonders deutlich geworden. Um eine verlässliche Datenbasis zu nosokomialen Infektionen und Antibiotikaanwendung zu gewinnen, hat das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) 2016–2017 die dritte Punkt-Prävalenz-Erhebung in europäischen Langzeitpflegeeinrichtungen (HALT-3) initiiert.

    Material und Methoden

    In Deutschland nahmen 131 Einrichtungen mit 10.565 Bewohnern teil. An einem Stichtag 2016 wurden die Anzahl von nosokomialen Infektionen, die Antibiotikaanwendung sowie Pflegecharakteristika und Risikofaktoren der Bewohner erhoben. Infektionen wurden symptombasiert anhand von Algorithmen entsprechend der McGeer-Surveillance-Definitionen für Pflegeeinrichtungen erfasst.

    Ergebnisse

    Bei 177 Bewohnern wurde eine nosokomiale Infektion dokumentiert, was einer Prävalenz von 1,7 % (95 %-KI: 1,3–2,1) entspricht und im europäischen Vergleich (Mittelwert 3,9 %) ein eher niedriger Wert ist. Harnwegsinfektionen waren mit knapp 50 % die häufigsten Infektionen, gefolgt von Atemwegs‑, Haut- und Weichgewebeinfektionen. Die häufigsten Indikationen für eine Antibiotikaanwendung entsprechen den erfassten Infektionen. Bei 143 Bewohnern wurde eine Antibiotikaanwendung dokumentiert (Prävalenz 1,4 %, 95 %-KI: 1,1–1,7). Auffällig war der hohe Einsatz von Fluorchinolonen mit über 20 % aller Verordnungen.

    Diskussion

    Der Aufbau einer einrichtungsbasierten Surveillance von nosokomialen Infektionen und Antibiotikaanwendung könnte zusammen mit der Zurverfügungstellung von spezifisch auf die geriatrische Population zugeschnittenen Leitlinien zur Verbesserung der Infektionsprävention und zum rationaleren Einsatz von Antibiotika beitragen sowie die Qualität und Sicherheit in der Pflege erhöhen.

  2. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziel

    Die digitale Transformation der Gesundheitsversorgung erfordert auch in den Pflegeberufen veränderte Kompetenzen. Die Reform der Pflegeausbildung eröffnet die Chance, die dafür notwendigen Inhalte in der Berufsausbildung zu verankern. Die „Rahmenpläne der Fachkommission nach § 53 Pflegeberufegesetz“ bilden für die Bundesländer die Grundlage zur Erstellung eigener Rahmenlehr- und Ausbildungspläne. Die vorliegende Arbeit untersucht, in welchem Umfang und in welcher Form die Rahmenpläne Digitalisierung aufgreifen.

    Material und Methoden

    Die Rahmenpläne wurden zwischen August und Oktober 2021 einer explikativ-qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen. Dabei wurde zunächst die Häufigkeit von zuvor definierten Schlagwörtern festgestellt. Im Anschluss erfolgte eine systematische Kontextanalyse.

    Ergebnisse

    Lediglich 6 Bundesländer hatten einen eigenen Rahmenplan erstellt, die anderen verwendeten den Bundesrahmenplan, der nur in geringem Umfang auf den Kompetenzerwerb im Bereich Digitalisierung eingeht. In den eigenen Rahmenplänen der Bundesländer wurde Digitalisierung in unterschiedlichem Maß thematisiert, jedoch insgesamt nur punktuell. Handlungsempfehlungen für praktische Übungsformate wurden kaum gegeben.

    Diskussion

    Der Erwerb von Kompetenzen im Bereich Digitalisierung bildet das Fundament für das spätere Berufsleben und ist ein wichtiger Bestandteil der digitalen Transformation. Im Rahmen der Modifizierungsmöglichkeit der Pflegeausbildung bis zum Jahr 2024 sollte das Thema noch stärker fokussiert werden. Auch direkt an den Fach- und Berufsschulen sowie Hochschulen kann nachgebessert werden, da die Rahmenpläne teilweise lediglich einen empfehlenden Charakter haben.

  3. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziele

    Schon in der frühen Phase der global sehr verschieden verlaufenden COVID-19-Pandemie zeigten sich Hinweise auf den Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf die Ausbreitungsdynamik der Erkrankung, die vor allem ab der zweiten Phase (September 2020) Menschen mit geringerem sozioökonomischen Status stärker betraf. Solche Effekte können sich auch innerhalb einer Großstadt zeigen. Die vorliegende Studie visualisiert und untersucht die zeitlich-räumliche Verbreitung aller in Köln gemeldeten COVID-19-Fälle (Februar 2020–Oktober 2021) auf Stadtteilebene und deren mögliche Assoziation mit sozioökonomischen Faktoren.

    Methoden

    Pseudonymisierte Daten aller in Köln gemeldeten COVID-19-Fälle wurden geocodiert, deren Verteilung altersstandardisiert auf Stadtteilebene über 4 Zeiträume kartiert und mit der Verteilung von sozialen Faktoren verglichen. Der mögliche Einfluss der ausgewählten Faktoren wird zudem in einer Regressionsanalyse in einem Modell mit Fallzuwachsraten betrachtet.

    Ergebnisse

    Das kleinräumige lokale Infektionsgeschehen ändert sich im Pandemieverlauf. Stadtteile mit schwächeren sozioökonomischen Indizes weisen über einen großen Teil des pandemischen Verlaufs höhere Inzidenzzahlen auf, wobei eine positive Korrelation zwischen den Armutsrisikofaktoren und der altersstandardisierten Inzidenz besteht. Die Stärke dieser Korrelation ändert sich im zeitlichen Verlauf.

    Schlussfolgerung

    Die zeitnahe Beobachtung und Analyse der lokalen Ausbreitungsdynamik lassen auch auf der Ebene einer Großstadt die positive Korrelation von nachteiligen sozioökonomischen Faktoren auf die Inzidenzrate von COVID-19 erkennen und können dazu beitragen, lokale Eindämmungsmaßnahmen zielgerecht zu steuern.

  4. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziel

    Als „Generation Y“ werden jüngere Erwachsene bezeichnet, die im ungefähren Zeitraum von 1980–2000 geboren wurden. Der Generation wird zugeschrieben, digital affin und technisch versiert zu sein. Somit kann davon ausgegangen werden, dass bei diesen Menschen ein verstärkter Wunsch besteht, im Bedarfsfall digitale Innovationen der Gesundheitsversorgung zu nutzen. Die genauen diesbezüglichen Erwartungen sind jedoch weitestgehend unbekannt. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Erwartungen und Bedarfe der Generation Y genauer zu untersuchen.

    Material und Methoden

    Zur Datenerhebung wurden im April 2021 5 Fokusgruppeninterviews mit jeweils 6 Personen zwischen 23 und 36 Jahren geführt, wobei pro Gruppe 3 Personen im Gesundheitsbereich tätig waren. Das Interviewmaterial wurde anhand der Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.

    Ergebnisse

    Bei den Befragten bestand u. a. die Erwartung, niedrigschwellige digitale Innovationen der Gesundheitsversorgung zu nutzen. Zudem zeigte sich ein großer Bedarf an Gesundheitsinformationen. Im Vordergrund stand die Steigerung der Effizienz im Alltag, insbesondere eine Verringerung des Zeitaufwands. Einflüsse der Coronapandemie auf die Erwartungen konnten beobachtet werden.

    Diskussion

    3 Funktionen von digitalen Anwendungen stellen sich als besonders relevant heraus: „Verwaltung“, „Tracking“ und „Information“. Zu diesen wurden Präferenzprofile der Generation Y erstellt. Passgenaue Angebote digitaler Innovationen könnten helfen, zielgruppenspezifische Gesundheitsförderung und Prävention konkreter umzusetzen und einen Mehrwert für Menschen der Generation Y zu generieren. Da der Alltag der Zielgruppe bereits von Digitalisierung und digitalen Innovationen geprägt ist, liegt hier großes Potenzial.

  5. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziel

    Angriffe gegen Rettungsdienstpersonal werden zwar medial und politisch vermehrt diskutiert, was sich auch in politischen Initiativen und Gesetzesänderungen widerspiegelt, die wissenschaftliche Studienlage in Deutschland ist allerdings noch lückenhaft und zeichnet insbesondere hinsichtlich der Prävalenzen solcher Vorfälle kein einheitliches Bild. Der vorliegende Artikel widmet sich einerseits den Prävalenzen, andererseits werden situative Eskalationsfaktoren sowie Folgen der Vorfälle und Wünsche der Einsatzkräfte in Bezug auf Angriffe dargelegt.

    Methoden

    Mittels eines Mixed-Methods-Ansatzes, der eine Langzeitbefragung zu den Häufigkeiten von Gewaltdelikten in Form eines Onlinefragebogens und qualitative Interviews mit Expert*innen und Betroffenen umfasst, wurde Rettungsdienstpersonal im Zeitraum von Mai bis August 2021 befragt.

    Ergebnisse

    Es zeigt sich, dass Angriffe, insbesondere verbaler Art, zum Arbeitsalltag von Rettungsdienstpersonal gehören. Im Durchschnitt wurden wöchentlich 29 % der Befragten beleidigt, belästigt oder verbal bedroht. Aber auch körperlichen Angriffen waren pro Woche durchschnittlich 8 % der Befragten ausgesetzt. Gleichzeitig wird hinsichtlich der Nachbetreuung und bezüglich der Ausbildungslage der Wunsch nach Anpassungen und Änderungen betont.

    Diskussion

    Eine Ausbildung sowie Schulungen, die für Gefahren sensibilisieren, Deeskalationsansätze in den Blick nehmen und Eigensicherung thematisieren, könnten das Risiko von Angriffen und somit Belastungen dieser Art im Berufsalltag senken.

  6. Zusammenfassung

    Sprachentwicklungsstörungen (SES) sind die häufigsten Entwicklungsstörungen im Kindesalter. Die „primären SES“ (Prävalenz etwa 7 %) werden im Unterschied zu „sekundären SES“ nicht durch andere Entwicklungsstörungen bzw. Erkrankungen (mit-)verursacht. In der deutschen Modifikation der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10-GM-22) werden die primären SES als „Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache“ (USES) bezeichnet, wobei u. a. ein Intelligenzquotient (IQ) < 85 als Ausschlusskriterium gilt. In der ICD-11 werden primäre SES als „Developmental Language Disorder“ (DLD) angegeben.

    Deutschsprachige Sprachtherapeut*innen möchten nun den Terminus „USES“ durch „DLD“ ersetzen und dabei die Diagnosekriterien verwenden, die vom internationalen CATALISE-Consortium (Criteria and Terminology Applied to Language Impairments Synthesizing the Evidence) vorgeschlagen werden, in deren Bestreben, eine Neubestimmung des Störungsbildes vorzunehmen. Nach dieser Konzeption werden jedoch nur Kinder mit einer geistigen Behinderung (IQ < 70) von der Diagnose ausgeschlossen. Dieser Wechsel in den diagnostischen Kriterien hätte höchstwahrscheinlich einen Anstieg der Prävalenz zur Folge. Damit wird die Frage der Früherkennung wichtiger denn je. In diesem Diskussionsbeitrag wird erklärt, dass die Public-Health-Relevanz der primären SES wächst und systematischen Früherkennungsuntersuchungen eine noch wichtigere Rolle zukommen wird. Mit einer frühzeitigen Diagnose und Therapie können Risiken in den Bereichen psychische Gesundheit, Verhalten und Entwicklung von Fertigkeiten gemindert werden.

    Derzeit erfolgen Diagnostik (und Therapie) meist relativ spät. Der Ausweg könnte in der Anwendung neurobiologischer Parameter liegen. Dazu werden jedoch weitere Studien benötigt, die Kinderkohorten in einem prospektiven longitudinalen Design auf Frühindikatoren untersuchen. Auch die Bildung eines Früherkennungsindex aus mehreren Indikatoren ist zu erwägen.

  7. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Um eine spezialisierte Versorgung von Menschen mit seltenen Erkrankungen (sE) zu gewährleisten, wurden zahlreiche Zentren für Seltene Erkrankungen (ZSE) gegründet. Für die ambulante Behandlung von Betroffenen in Krankenhäusern steht dabei eine Vielzahl von Versorgungs- und Vergütungsformen zur Verfügung. Studien zu einzelnen sE ergaben bereits Hinweise auf Defizite in Bezug auf eine kostendeckende Vergütung der ZSE.

    Ziel der Arbeit

    Untersuchung der aktuellen Versorgungs- und Vergütungsstrukturen in den ZSE und die Entwicklung von Ansätzen für zukünftige nachhaltige Vergütungsstrukturen.

    Material und Methoden

    Mittels Fragebogenerhebung wurden zunächst ZSE in Deutschland zu ihrer Versorgungs- und Vergütungsform befragt. Im Rahmen zweier Fokusgruppen- und eines Experteninterviews mit Vertreter:innen der ZSE, der Kostenträger, der Gesundheitspolitik sowie Patient:innen wurden im Anschluss die aktuellen Versorgungs- und Vergütungsformen, Möglichkeiten der zukünftigen Gestaltung der Versorgung von Menschen mit sE sowie Ansätze für eine leistungsorientierte Vergütung diskutiert. Das Material wurde inhaltsanalytisch nach Kuckartz ausgewertet.

    Ergebnisse und Diskussion

    39 Zentren beteiligten sich an der Fragebogenerhebung. 38 % dieser Zentren werden über eine Pauschale für Hochschulambulanzen (HSA) vergütet, deren Höhe stark variiert. 41 % weisen eine Mischvergütung aus HSA-Pauschale und weiteren Vergütungsformen auf. In den Interviews wurde eine Unterdeckung der Kosten in den ZSE mit Auswirkungen auf die Patientenversorgung benannt und zur Sicherstellung einer nachhaltigen Versorgung Handlungsbedarf zur Weiterentwicklung der Vergütungsstrukturen festgestellt. Eine „Sonderpauschale für sE“, die den besonderen zeitlichen Bedarf in der Versorgung von Menschen mit sE abbildet, wurde als möglicher nachhaltiger Vergütungsansatz präferiert.

  8. Zusammenfassung

    Hintergrund und Ziel

    Zur transparenten Steuerung der Arzneimittelausgaben im Rahmen des Wirtschaftlichkeitsgebots (§ 12 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch (SGB V)) hat die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns im Jahr 2014 die Wirkstoffvereinbarung (WSV) eingeführt. Diese hat die Richtgrößensystematik abgelöst. Mit Bezug auf die Rolle der WSV werden im Artikel die Gründe der Hausärzt*innen (HÄ) für oder gegen eine Weiterverordnung von Arzneimitteln aus dem Krankenhaus beschrieben.

    Material und Methode

    In einem qualitativen Studiendesign wurden im Zeitraum 11/2019 bis 03/2020 mit bayerischen HÄ Einzelinterviews (n = 18) und 2 Fokusgruppen (n = 10) durchgeführt und nach der qualitativen Inhaltsanalyse ausgewertet.

    Ergebnisse

    Mit der Einführung der WSV nahmen die Regresssorgen der HÄ insgesamt ab. Große Bedeutung bei Verordnungen haben – vor der Wirtschaftlichkeit – die patient*innenorientierte Versorgung und fachliche Richtigkeit von Therapieentscheidungen. Mit der Entlassmedikation ergeben sich wirtschaftliche Herausforderungen, besonders mit dem Leitsubstanzziel der oralen Antikoagulation, den Generikazielen bei Antidiabetika und bei Therapeutika für das Herz-Kreislauf-System. Allgemein kritisiert werden Rabattverträge, die oft zu Umstellungen von Arzneimitteln führen. Vereinzelt wird von einer „Vormachtstellung“ der Klinikärzt*innen berichtet, die dem hausärztlichen wirtschaftlichen Handeln entgegenstehen. Es fehlt laut HÄ eine sektorenübergreifende Kostenverantwortung.

    Diskussion

    Ein reibungsloser Schnittstellenübergang ist aus Sicht der HÄ trotz des Rahmenvertrags Entlassmanagement und der neuen Steuerungssystematik der WSV im ambulanten Sektor noch nicht vorhanden. Für eine wirtschaftliche Arzneimittelversorgung bedarf es weiterhin einer sektorenübergreifenden, aber auch bundesländerübergreifenden politischen Diskussion.

  9. Zusammenfassung

    Teams der Krisenintervention und Notfallseelsorge füllen seit wenigen Jahrzehnten eine Versorgungslücke in der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Die Psychosozialen Akuthilfen (PSAH) als Teilbereich der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) konzentrieren sich auf Angehörige und Hinterbliebene, Vermissende, Augenzeug*innen und Überlebende von belastenden Ereignissen und bieten unmittelbar ereignisbezogene psychosoziale Unterstützung an.

    Der Einsatz von Kriseninterventionsteams (KIT) findet inzwischen breite Akzeptanz und Anerkennung: Einsatzkräfte von KIT leisten auf Basis einer fundierten Ausbildung wichtige psychosoziale Unterstützung, die klaren Leitlinien folgt. Qualitätssicherung, gesetzliche Grundlagen und die Frage der Finanzierung von PSAH werden die zentralen Themen des aktuellen Jahrzehnts sein.

    Der vorliegende Artikel gibt einen umfassenden Überblick über die Arbeit von KIT und beschreibt die Struktur, Handlungslogik und Ziele der PSAH. Fokus ist dabei die Darstellung der Einsatzabläufe und insbesondere der einzelnen Maßnahmen während der KIT-Betreuungen.

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