Bundesgesundheitsblatt

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  1. Zusammenfassung

    Für die Umsetzung des Präventionsgesetzes in einem sich entwickelnden System Prävention und Gesundheitsförderung (PGF) ist die Anforderung der Evidenzbasierung formuliert. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Schritte, Prozesse und Vorgehensweisen in diesem System benötigt werden, um der Anforderung zunehmend gerecht zu werden. Dieser Übersichtsartikel diskutiert für Deutschland, wie evidenzbasierte Maßnahmen in der Praxis operationalisiert werden können und welche organisationalen Rahmenbedingungen und Kapazitäten für ein evidenzbasiertes Handeln von AkteurInnen notwendig sind.

    Aufbauend auf internationalen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Memorandum Evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wird zunächst das Verständnis von evidenzbasierten Maßnahmen erläutert und im Weiteren werden Elemente zur Umsetzung von mehr Evidenzbasierung skizziert.

    Neben der transparenten und einheitlichen Darstellung in Datenbanken und Empfehlungen ist es notwendig, bei EntscheidungsträgerInnen in Praxis und Politik ein gemeinsames Verständnis von evidenzbasierten Interventionen und von Anforderungen für eine Evaluation, die Evidenzbasierung sichert, zu schaffen. Darüber hinaus kann evidenzbasiertes Handeln von EntscheidungsträgerInnen gefördert werden durch Wertschätzung gegenüber Evidenzbasierung in ihren Organisationen, durch Gewährleistung eines regelhaften Zugangs zu Evidenzdatenbanken, durch verbesserte Kompetenzen in Bezug auf Interpretation von Evidenz und durch eine systematische Zusammenarbeit mit der Wissenschaft.

    Mehr Evidenzbasierung ist eine Voraussetzung für die nachhaltige Verankerung von PGF als fünfte Säule des Gesundheitssystems.

  2. Zusammenfassung

    Evidenzbasierte Gesundheitsinformationen sollen Menschen durch verlässliche und verständliche Inhalte zu informierten Entscheidungen in Gesundheitsfragen befähigen und dabei ihre persönlichen Ziele und Erwartungen einbeziehen. Um dies zu erreichen, sind bei der Erstellung von Gesundheitsinformationen eine Reihe von Anforderungen zu beachten, die in diesem Beitrag dargestellt werden. Dazu zählen unter anderem eine systematische Recherche, eine begründete Auswahl der geeigneten Evidenz und die Berücksichtigung der aktuellen Evidenz zur Kommunikation von Zahlen, Risikoangaben und Wahrscheinlichkeiten. Bei der Umsetzung müssen zudem die Fragen, Kompetenzen und Nutzungsgewohnheiten der jeweiligen Zielgruppe beachtet werden. Eine Reihe von deutschsprachigen Informationsangeboten zeigt, dass die Umsetzung der Anforderungen auch für die breite Öffentlichkeit praktikabel ist.

  3. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Sexuell übertragbare Infektionen (STI) sind ein relevanter Risikofaktor für die sexuelle Gesundheit des Einzelnen und der Bevölkerung. Für eine zielgruppenspezifische Präventionsarbeit ist der Wissensstand zu STI in verschiedenen Bevölkerungsgruppen daher von besonderem Interesse.

    Ziel

    Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Wissensstand zu neun STI in der deutschen Bevölkerung zu analysieren. Dafür werden Zusammenhänge mit soziodemografischen Variablen, sexualitätsbezogenen Merkmalen sowie der subjektiven Zufriedenheit mit dem Informationsstand untersucht.

    Methode

    Die GeSiD-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ erhob von 4955 Personen per Face-to-Face-Interview repräsentative quantitative Daten zum Wissensstand zu STI. Als Auswahlverfahren wurde eine zweifache Zufallsstichprobe gezogen. Dafür wurden zunächst 200 Sample Points (Gemeinden) in ganz Deutschland regional proportional ausgewählt. Anschließend wurde eine Zufallsstichprobe von Adressen über die jeweiligen Einwohnermeldeämter gezogen. Die Teilnahmequote betrug 30,2 %; das Durchschnittsalter lag bei 46,3 Jahren.

    Ergebnisse

    Wissen über HIV/Aids war in allen Altersgruppen weit verbreitet. Andere STI waren deutlich weniger bekannt. Besonders wenig informiert zeigten sich Ältere und Befragte mit niedrigem Bildungsstand, regionaler sozialer Benachteiligung sowie mit Migrationshintergrund. Eine höhere Anzahl von SexualpartnerInnen hing mit einem besseren Wissensstand zusammen. Gut informiert zeigten sich Personen, die sich nicht als heterosexuell beschreiben, sowie Personen, die schon einmal an einer STI erkrankt waren.

    Fazit

    Heterosexuelle Erwachsene in Deutschland sind unzureichend über STI informiert. Zielgruppenspezifische Anstrengungen zur Verbesserung des Wissens über STI sind nötig, um sexuelles Risikoverhalten zu vermindern und die Inanspruchnahme von Präventionsangeboten zu verbessern.

  4. Zusammenfassung

    Die Gesundheit der Bevölkerung – im Sinne von Prävention und Versorgung – braucht gute Daten. Daten unterstützen die Entscheidungsfindung auf der Systemebene ebenso wie konkrete Maßnahmen auf der Individualebene. Daten sind außerdem Voraussetzung für Forschung und die Entwicklung von Innovation. Gleichzeitig sind Daten Mangelware: Sie liegen nur in Ausschnitten oder für ganze Systemteile überhaupt nicht vor, sie decken Sachverhalte nur approximativ ab oder sind in Formaten gebunden, die eine automatisierte (bzw. skalierbare) Verarbeitung erschweren bis unmöglich machen. Zudem sind gerade Gesundheitsdaten höchst sensibel und entsprechend geschützt, was ihre Verwertung noch herausfordernder macht.

    Mit diesen Herausforderungen steht Deutschland nicht allein da, sie finden sich in ähnlicher Form in allen anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU). Das Potenzial einer gemeinsamen Problemdefinition sowie der gemeinsamen Entwicklung von Lösungen wird in Deutschland bisher aber nur wenig genutzt. Der Artikel gibt einen Einblick in verschiedene EU-Initiativen rund um das Thema Gesundheitsdaten. Im Vordergrund steht dabei die Frage, wie deutsche Akteur:innen Zugang zu diesen Initiativen bekommen können, um so einerseits vom Wissen und den Erfahrungen in den Nachbarländern zu profitieren, aber auch um eigenes Wissen in diesen Kreis zurückgeben zu können.

  5. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Um die Ausbreitung von SARS-CoV‑2 (schweres akutes Atemwegssyndrom-Coronavirus-Typ 2) zu verlangsamen, haben Bund und Bundesländer Schutzmaßnahmen ergriffen, die weitreichende Folgen für die Bevölkerung haben. Diese Maßnahmen umfassen u. a. die zeitweise Einschränkung des Betriebs von Freizeiteinrichtungen sowie Kontakt- und Reiseeinschränkungen. Die Maßnahmen rufen gemischte Reaktionen hervor, wobei Teile der Bevölkerung Empfehlungen und Vorgaben ignorieren.

    Ziel der Arbeit

    Ziel der vorliegenden Studie ist es, auf Basis der Beiträge in sozialen Medien die Gründe für die Ablehnung von Schutzmaßnahmen zu untersuchen.

    Material und Methoden

    3 soziale Netzwerke (Facebook, Twitter und Youtube-Kommentare) wurden für den Zeitraum 02.03. bis 18.04.2020 systematisch hinsichtlich der Einstellungen zu Kontaktbeschränkungen und anderen Schutzmaßnahmen mittels qualitativer Dokumenten- und Inhaltsanalyse untersucht. Insgesamt wurden 119 Beiträge in die Analyse aufgenommen und interpretiert.

    Ergebnisse

    6 Hauptkategorien und 4 Unterkategorien wurden im Zusammenhang mit der Ablehnung der Schutzmaßnahmen identifiziert: Fehlinformationen der sozialen Medien (Verharmlosung und Zweifel an der Wirksamkeit), Misstrauen gegenüber den etablierten öffentlichen Medien, Wissensdefizite und Verunsicherung, Einschränkung der Grundrechte, die Rolle der Behörden (Bevölkerungskontrolle und mangelndes Vertrauen in das Robert Koch-Institut) sowie wirtschaftliche Auswirkungen der Pandemie.

    Diskussion

    Fehlinformationen in sozialen Medien und Wissensdefizite können zu einer Unterschätzung der Pandemie beitragen. Zudem können wirtschaftliche Belastungen mit der Ablehnung von Schutzvorkehrungen einhergehen. Zur Erhöhung der Akzeptanz implementierter Schutzmaßnahmen stellen Gesundheitsaufklärung sowie transparente und evidenzbasierte Kommunikation relevante Determinanten dar.

  6. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Die Steuerungsinstrumente der Arzneimittelversorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind schon länger Bestandteil der gesundheitspolitischen Reformdebatte. Über die Jahre hat sich eine Gemengelage sehr verschiedener Werkzeuge herausgebildet, die zumeist auf eine Kontrolle der Arzneimittelausgaben zielen. Die Instrumente der regionalen Verordnungssteuerung fokussieren vor allem auf eine Verhaltenssteuerung des verordnenden Arztes. Zu erwähnen ist nicht zuletzt der verstärkte Einsatz von indikationsbezogenen Quoten, vorrangig Leitsubstanzen und/oder Generika/Biosimilars. Diese gibt es mittlerweile auch im Bereich des Humanen Immundefizienz-Virus (HIV), etwa die seit 2020 in Bayern und Berlin eingeführten Generikaquoten für HIV-Therapeutika.

    Zielstellung

    Ziel des vorliegenden Beitrages ist es, auf Grundlage von GKV-Apothekenabrechnungsdaten das Potenzial sowie Grenzen von Generikaquotenlösungen in der HIV-Versorgung zu analysieren und Handlungsempfehlungen zu skizzieren.

    Ergebnisse

    Es zeigte sich, dass das Quotenpotenzial für Generika im patentfreien Bereich in der HIV-Versorgung bereits weitgehend ausgeschöpft wird. Dieser Umstand ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die HIV-Verordner den Austausch durch Verzicht auf Aut-idem-Kreuze auf dem Kassenrezept unterstützen.

    Diskussion

    Das steuerungspolitische Optimum ist fast erreicht. Dies ist auf das geeignete Instrumentarium zurückzuführen, das aus dem Rahmenvertrag zur Arzneimittelversorgung und einer leitliniengerechten Wirkstoffverordnung durch den Arzt besteht – in Verbindung mit dem AMNOG(Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz)-Verfahren und Festbeträgen. Leitlinienkonformität und (existierende) Eintablettenregime müssen beibehalten werden, damit die gute Versorgungsqualität gewährleistet bleibt.

  7. Zusammenfassung

    Evidenzbasierung stellt auch im öffentlichen Gesundheitswesen eine zentrale Anforderung dar. 5 allgemeine Prinzipien gelten in der evidenzbasierten Medizin wie in der evidenzbasierten Public Health (EBPH). Sie umfassen Systematik, Transparenz im Umgang mit Unsicherheit, Integration und Partizipation, Umgang mit Interessenkonflikten sowie einen strukturierten, reflektierten Prozess. Dieser Artikel hat das Ziel, ein gemeinsames Verständnis von evidenzbasierter Public Health zu fördern.

    Mit einer systematischen Literaturrecherche zu Perspektiven der Evidenzbasierung in Public Health wurde das internationale Verständnis von EBPH beleuchtet. So wurden 20 englischsprachige und eine deutschsprachige Quelle identifiziert und einer Inhaltsanalyse unterzogen. Über die allgemeinen Prinzipien hinausgehende Charakteristika dieser Perspektiven befassen sich mit Aspekten der Bevölkerungsorientierung, dem zugrunde liegenden Verständnis von Evidenz, zu beteiligenden Disziplinen und Interessengruppen sowie relevanten Kriterien und notwendigen Kompetenzen für eine Umsetzung von Evidenzbasierung.

    Darauf aufbauend und unter Berücksichtigung methodischer Entwicklungen im Umgang mit Komplexität lassen sich 4 spezifische Umsetzungsfaktoren der EBPH ableiten. Sie umfassen Theorie, Interdisziplinarität, Kontextabhängigkeit und Komplexität sowie allgemeine gesellschaftliche Aspekte.

    Die praktische Umsetzung von EBPH erfordert personelle und finanzielle Ressourcen sowie Kompetenzen – unter anderem für die Durchführung systematischer Übersichtsarbeiten zur Wirksamkeit von Maßnahmen unter Alltagsbedingungen, für die wissenschaftliche Betrachtung weiterer relevanter Fragestellungen sowie für die Etablierung transparenter Prozesse zur Formulierung von Empfehlungen.

  8. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Interventionen in der Gesundheitsförderung und Prävention sind bisher nicht im wünschenswerten Umfang evidenzbasiert angelegt. Ein vergleichsweise unbeachteter Erklärungsfaktor könnte darin liegen, dass in der Aus- und Fortbildung von Akteuren der Gesundheitsförderung und Prävention Evidenzbasierung noch zu wenig berücksichtigt wird.

    Fragestellung

    Inwieweit findet sich das Thema Evidenzbasierung in Grundlagendokumenten wie Kompetenzrahmen, Modulhandbüchern einschlägiger Studiengänge sowie den Fortbildungsangeboten zentraler Fortbildungsträger für Akteure der Prävention und Gesundheitsförderung?

    Methoden und Material

    Selektive Internetrecherche und Dokumentenanalyse von 2 fachspezifischen Qualifikationsrahmen, 31 Studiengängen und 3 großen Trägern von Fortbildungsangeboten im Hinblick auf die explizite Erwähnung von Evidenzthemen.

    Ergebnisse

    Deutliche Berücksichtigung von Evidenz in beiden Qualifikationsrahmen und in 17 von 31 Studiengängen; keine explizite Nennung in den Qualifizierungsangeboten der 3 untersuchten Träger in den letzten 5 Jahren.

    Diskussion

    Limitationen des methodischen Vorgehens sind, dass nicht das gesamte Feld analysiert wurde, dass nur nach expliziterBerücksichtigung von Evidenzthemen gesucht wurde und dass Planungspapiere ein unsicherer Indikator für die tatsächliche Praxis der Aus‑, Weiter- und Fortbildung sind. Gleichwohl zeigt die explorative Studie Handlungsbedarf auf. Es wird angeregt, auf Universitäten, Hochschulen und die Träger der Fortbildungsangebote zuzugehen mit dem Ziel, Evidenzthemen, z. B. auf Basis des Memorandums der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) „Evidenzbasierte Prävention und Gesundheitsförderung“, stärker in ihren Angeboten zu verankern.

  9. Zusammenfassung

    Humane Papillomviren (HPV) verursachen benigne und maligne Tumorerkrankungen. Bisher wurden mehr als 200 HPV-Typen entdeckt, von denen aktuell 12 als Hochrisiko für das Zervixkarzinom klassifiziert werden. HPV-Typen, die den Anogenitaltrakt befallen, werden sexuell übertragen. Seit 2006 sind prophylaktische HPV-Impfstoffe erhältlich. Die Impfung soll vor dem ersten sexuellen Kontakt erfolgen.

    HPV infizieren Epithelzellen und sind die häufigsten sexuell übertragenen Viren weltweit. Neben dem Zervixkarzinom verursachen HPV auch andere anogenitale Tumore, wie Vulva‑, Vagina- und Analkarzinom, aber auch Oropharynxkarzinome. Vor allem die Hochrisiko-HPV-Typen 16 und 18 werden hier gefunden. Des Weiteren sind die HPV-Typen 6 und 11 ursächlich für die Entstehung von genitalen Warzen. Aber auch harmlose Hautwarzen werden von HPV verursacht.

    HPV-Impfstoffe sind sicher und hochwirksam, wenn vor der Impfung noch keine HPV-Infektion vorliegt. Systematische Reviews und Metaanalysen haben gezeigt, dass die HPV-Impfung eine HPV-Infektion, aber auch präkanzeröse Läsionen im Anogenitaltrakt und Genitalwarzen wirksam verhindert. Mittlerweile liegen erste direkte Hinweise vor, dass die HPV-Impfung die Inzidenz des Zervixkarzinoms reduziert.

    Die Impfquoten variieren weltweit je nach Impfprogramm und Akzeptanz des HPV-Impfstoffs in der Bevölkerung. Deutschland hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern niedrige Impfquoten. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die HPV-Impfung in Deutschland für alle Mädchen und Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren. Im Jahr 2018 waren nur die Hälfte aller 18-jährigen Mädchen in Deutschland vollständig gegen HPV geimpft.

    Organisierte Impfprogramme, bevölkerungsbezogen oder schulbasiert, sind notwendig, um hohe Impfquoten zu erreichen.

  10. Zusammenfassung

    Von 2014 bis 2022 erforschen die 5 deutschen Forschungsverbünde AEQUIPA, CAPITAL4HEALTH, HLCA, PartKommPlus und SMARTACT Themen der Primärprävention und Gesundheitsförderung mit dem Ziel, die Evidenzgrundlagen in diesen Bereichen weiterzuentwickeln. In diesem Beitrag wird die Arbeit der 5 Forschungsverbünde für Primärprävention und Gesundheitsförderung unter dem Aspekt der Evidenzbasierung aus der internen Perspektive vorgestellt, analysiert und diskutiert. Als orientierender Rahmen dient ein Modell der evidenzbasierten Public Health.

    Die 5 Forschungsverbünde nutzen für die Evidenzgenerierung vielfältige Zugangswege bzgl. der Beteiligung nichtakademischer, zivilgesellschaftlicher Akteur*innen und Nutzer*innen. Es finden sich vielfältige Studiendesigns, die von randomisiert kontrollierten Studien und systematischen Reviews zu diversen qualitativen Designs reichen. Die Nutzung von Modellen und Theorien unterstützt die Evidenzbasierung. Über die Evidenzentwicklung hinaus legen alle Verbünde einen Schwerpunkt auf die zumindest exemplarische Implementierung des neuen Wissens.

    Durch die Methodenvielfalt kann eine breit gefächerte Evidenzbasierung unter Berücksichtigung verbundspezifischer Aspekte realisiert werden. Grenzen für eine weitere systematische Stärkung der Evidenzbasierung liegen in strukturellen Rahmenbedingungen. Insbesondere die Einbindung von nichtakademischen, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Nutzer*innen für die Arbeit mit schwer erreichbaren Zielgruppen kann oft nicht ausfinanziert bzw. zeitlich berücksichtigt werden. Die COVID-19-Pandemie verdeutlicht die Wichtigkeit eines flexiblen Methodenspektrums, in dem ein sinnvolles Zusammenspiel von digitalen und analogen Methoden anzustreben ist.

  11. Zusammenfassung

    Hintergrund

    Wissenschaftliche Ergebnisse können eine Wissensquelle für kommunale Akteurinnen und Akteure der Bewegungsförderung sein, finden jedoch aufgrund von vielfältigen Barrieren selten Anwendung. Wissenstranslation kann diesen Prozess vereinfachen, setzt aber das Erfassen der bisher kaum erforschten Bedürfnisse der Akteurinnen und Akteure voraus.

    Ziel der Arbeit

    Ziel der qualitativen Studie ist es, die Zugangswege der Akteurinnen und Akteure zu Informationen und wissenschaftlichen Erkenntnissen zu erfassen, mögliche Barrieren zu identifizieren sowie die Bedürfnisse der praktisch Anwendenden bezüglich der Darstellung und Aufbereitung herauszustellen.

    Material und Methoden

    Es wurden leitfadengestützte Interviews mit 12 Kommunal- und Landesakteurinnen und -akteuren der Bewegungsförderung aus Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geführt. Die Auswahl der Interviewten fand durch Purposive Sampling (gezielte Auswahl der Personen) statt. Die Interviews wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet.

    Ergebnisse

    Der Nutzen wissenschaftlicher Erkenntnisse wird von den Interviewten betont, jedoch erschweren Ressourcenmangel in Kombination mit Informationsflut, hoher Komplexität und Fachsprache die Anwendung. Es besteht Bedarf an passgenauer Aufbereitung in Form von Zusammenfassungen, Filterfunktionen, Herausarbeiten von praxisrelevanten Elementen und Wegen der Bereitstellung.

    Diskussion

    Für eine erfolgreiche Wissenstranslation sind die Zusammenarbeit und der interaktive Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis sowie die bedarfsgerechte Aufbereitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen zentral. Das Vernetzen sowie Bündeln von Wissen auf einer Plattform sind wichtige Aufgaben für die Zukunft.

  12. Zusammenfassung

    Kommunale AkteurInnen erfahren bei der Entwicklung und Auswahl von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung (MPG) keine ausreichende wissenschaftliche Unterstützung. Interventionsdatenbanken können Abhilfe leisten, indem sie wissenschaftlich abgesicherte und gut dokumentierte MPG präsentieren. Dadurch kann wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit einzelner Maßnahmen in lokale Entscheidungen einfließen. Die Datenbanken können ebenfalls dazu dienen, die Qualitätsentwicklung von Maßnahmen voranzutreiben.

    In diesem Beitrag werden methodische und konzeptuelle Überlegungen erläutert, wie MPG für Datenbanken identifiziert und wie sie hinsichtlich ihrer Wirksamkeit eingeordnet und zielgruppengerecht aufbereitet werden können. Grundlage sind Erkenntnisse aus der Public-Health-Literatur und dem Projekt „Älter werden in Balance“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

    Systematische Übersichtsarbeiten sind für die Suche nach geeigneten MPG für die Datenbank nur bedingt geeignet, u. a. weil die darin aufgeführten Interventionstypen begrenzt und umsetzungsrelevante Angaben oft unvollständig dargestellt sind. Es erscheint aber vielversprechend, MPG aus der Praxis in die Datenbank einzustellen, wenn zusätzlich eine Einordnung hinsichtlich ihrer Wirksamkeit erfolgt bzw. Konsequenzen für die Weiterentwicklung und Evaluation formuliert werden. Es sollten zudem möglichst viele Informationen zur praktischen Umsetzung der MPG angegeben werden. In einem ersten Vorschlag wird gezeigt, wie eine Maßnahmenbeschreibung aussehen könnte. Zusätzlich sollten Manuale zur Durchführung von Maßnahmen zur Verfügung stehen.

  13. Ein Erratum zu dieser Publikation wurde veröffentlicht: https://doi.org/10.1007/s00103-021-03292-2

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